Interview mit Christiane Sellner in: GLASHAUS / 1/2008
(von Herausgeber Dr. Wolfgang Schmölders)
CHRISTIANE
SELLNER – LICHT UND RAUM
Es
war das Jahr 1984, als Christiane Sellner, selber künstlerisch im Studioglas aktiv, die erste umfassende Geschichte der Studioglasbewegung schrieb. 22 Jahre später wies sie auf den inneren Zusammenhang hin von Studioglasbewegung und internationaler Fluxus-Bewegung in der Kunst der 60er und 70er Jahre. Durch zahlreiche Publikationen hat sich Christiane Sellner einen Namen als Fachautorin gemacht. Dass sie darüber hinaus auch als Künstlerin Bedeutsames leistet, hat sie bewiesen durch zahlreiche Ausstellungen sowie Werke im öffentlichen
Raum.
GLASSHOUSE: Wie bist Du zum Glas gekommen?
Christiane Sellner: Noch als Schülerin (1969!) hat mich beim Besuch einer Museumsausstellung regelrecht der Glasvirus gepackt; es war der erste große
Wendepunkt in meinem Leben.
GLASSHOUSE: Das klingt nach Ende und Neubeginn.
Christiane Sellner: Auf jeden Fall Neubeginn. 1974 stieß ich dann zur
Studioglasbewegung, die mir im wahrsten Sinne des Wortes zum Lebensinhalt
wurde - bis 1991. Das war dann der 2. Wendepunkt in meinem Leben. Meine
Glasarbeit seit den 90er Jahren hat nichts mit Studioglas zu tun.
GLASSHOUSE: Welche Einflüsse waren entscheidend?
Christiane Sellner: Anfangs beschäftigte mich das geblasene Glas mit all seinen Möglichkeiten, in den letzten Jahren das gezielt gebrochene Glas wegen des Licht-Verhaltens, fast immer in Verbindung mit Metallen als konstruktives Element. Ich meine, ich arbeite völlig
autark, sozusagen aus dem Bauch heraus.
GLASSHOUSE. Was ist Dein nächstes Projekt?
Christiane Sellner: Eine Skulptur für einen privaten Garten in London.
GLASSHOUSE: Wird dabei ebenfalls die Lichtwirkung eine entscheidende
Rolle spielen?
Christiane Sellner: In meinen Arbeiten versuche ich immer wieder auf
neue und andere Weise das Licht darzustellen. Es geht mir nicht in
erster Linie darum, dem Glas eine Form zu geben, sondern mittels des Glases
das Licht einzufangen und zwar das veränderliche Licht: Licht-Momente
im freien Raum zu schaffen.
GLASSHOUSE: Momente sind veränderlich und oft flüchtig.
Christiane Sellner: Das Licht soll im Raum schweben, daher filigrane Gestaltung,
die Konstruktion soll zurücktreten. Ich arbeite auch mit den vom Glas ausgesandten
Reflexionen im Raum.
GLASSHOUSE: Die Objekte stehen also nicht für sich?
Christiane Sellner: Sie sind geschaffen für das veränderliche Licht, für den Wechsel des Lichts in der Natur (wandernde Sonne, Wasser, Pflanzen, Wolken, Tageszeiten, Zwielicht Tag/Nacht). Das gilt übrigens auch für die Halogen-Lichtobjekte. Viele Objekte sind für den Garten konzipiert und sollen mit Bäumen und Sträuchern
in Dialog treten, mit deren Licht und Schatten.
GLASSHOUSE: Wie wirst du fertig mit dem optischen "Verschwinden" von transparentem Glas in der Dämmerung?
Christiane
Sellner: Das gehört bei mir zum Verwandlungsprozess, ist also ein Teil der Arbeit selbst, ebenso wie die Verwandlung eines Lichtobjekts beim Übergang vom Tageslicht zum reinen Kunstlicht (Halogen) in der Nacht. Das Objekt wandelt damit seinen Charakter und seine Form. Die ständige Veränderung
allein durch das Licht ist die Kernidee.
GLASSHOUSE: Das veränderliche Licht einfangen – das tun auch zum Beispiel
die Arbeiten von Josepha Gasch-Muche; man kann das auf dem Hintergrund von ZERO
betrachten. Wo und wie ordnest du dich da ein?
Christiane
Sellner: ZERO ist wohl ein wichtiges Stichwort. Diese Richtung
hat mich schon 1970 bis 74 sehr fasziniert und beschäftigt. Dies wurde dann durch das Eintauchen ins Studioglas vollkommen zurückgedrängt, geht mir aber seit den 90ern wieder zunehmend durch den Kopf, so dass man wohl sagen kann, dass es ein wichtiger Hintergrund für meine Arbeit ist. Sagen wir: ZERO als unbewusster Schlüssel zu meiner Arbeit. Aber auch dem FLUXUS fühle ich mich innerlich sehr verbunden: das kurzzeitige Festhalten des Flüchtigen, Gestalt(ung) als endlose Folge flüchtiger Momente. Und irgendwo fließt
da wohl auch das Experimentelle des Studioglases ein.
